Sinn und Sinnlichkeit

Was machst du Heiligabend?

Von Regina Swoboda

Wenn es weihnachtet und alle Medien, Weihnachtskarten und Werbungen von der „besinnlichen Weihnachtszeit“ sprechen, teilt sich die Menschenmenge in zwei Lager: in diejenigen, die jedwedes Weihnachtsaccessoire ignorieren und arbeiten als würde es nach den Feiertagen bzw. im neuen Jahr keine Arbeitszeit mehr geben und in diejenigen, deren Wohnungen an ein leuchtendes Abbild des Weihnachtsmann beheimatenden Nordpol erinnern. Letztere sind häufig in einer Beziehung, erstere scheinen sich dem allgemeinen Wahn zu entziehen. Häufig gehören Singles zu dieser Gruppe. Die Frage „Was machst Du Heiligabend“ wird von ihnen  entweder mit „ich fahr zu meinen Eltern“ oder mit einem „Du, ich mach’s mir zuhause gemütlich und warte bis alle wieder normal sind“ beantwortet.

Single an  Feiertagen zu sein ist nicht einfach, an Weihnachten schwerer und an Silvester für viele schon deprimierend. Pärchenfreunde werden in diesen Wochen von Singlefreunden eher widerwillig besucht – es sein denn, man hat Lust auf Plätzchen, die eine Beziehungsfreundin im „Backwahn“ produziert hat. Die plakative Vorweihnachtsfreude scheint das Herz zu beschweren und das eigene Single-Schicksal unerträglich.

Sicherlich ist eine Möglichkeit, sich auf die Couch zu mummeln, Fernbedienung, Kaffee (oder auch einen Glühwein) und die kleine Dose mit den selbstgebackenen Plätzchen der Beziehungsfreundin maximal in Armlänge entfernt. Wenn – was auch Männern passiert – beim gefühlvollen Werbespot für eine dankesfreudige Schokolade, spätestens aber bei der 47. Wiederholung des „kleinen Lords“, das Schlucken schwer fällt und die Augen mehr Feuchtigkeit als normal beinhalten, ist es soweit: der Single-Blues hat einen erwischt.
Man kann nun  erstmal eines tun: seinen Gefühlen freien Lauf lassen und sie nicht mit den Weinbrandbohnen betäuben. Und dann –und das ist die Kunst – sollte man sein Kopfkino einschalten und sich Folgendes vorstellen: während man selbst in beschriebener Position im ruhigen Zuhause gemütlich kuschelt, verfallen andere in Hektik und Streit: wer was zu tun hat, getan hat, noch tun wird. Wer mehr getan hat, wer mehr Stress hat, hatte, haben wird, was eigentlich mit den Geschenken für die Familie ist. Was soll es Heiligabend zum Essen geben und an den Feiertagen – immerhin haben alle Läden geschlossen und es muss alles gut vorbereitet sein. Bei vielen Familien verbringt ein Teil der Sippe einen Löwenanteil der „heiligen Zeit“ in der Küche, während der andere Teil bemüht ist, die Verdauung zu schnellen Fortschritten zu bewegen, um Platz für die nächste bevorstehende wahrscheinlich mächtige Mahlzeit zu schaffen und dabei sehnsüchtig in Richtung des ausgeschalteten Fernseher schielt. Besinnen aufs Wesentliche? Erinnern an christliche Werte (ja, DAS war mal der Sinn des Ganzen)? Weit gefehlt! Blinde Hektik im Wechsel mit lähmender Langweile ist bei vielen an der (Feier-)Tagesordnung….

Na, fühlt sich das schon besser an? Natürlich tut es das!

Wir sind selten mit uns allein und erschrecken, wenn es um uns herum ruhiger wird. Als würde uns dann etwas zwingen, alles was wir sind und alles was wir tun, in Frage zu stellen und zu bewerten. In der geschilderten Stimmung neigen wir dazu, uns negativ zu bewerten, viel negativer, als wir es im Entferntesten verdient hätten.

Liebe Singles, wenn Euch der Selbstzweifeldämon plagt: macht Euch bewusst, dass ihr es immerhin schafft, allein zu überleben und Euch zu versorgen. Ihr könnt frei entscheiden, ob ihr ein Knäckebrot am heiligen Abend esst oder Euch selbst mit einem tollen Essen verwöhnt. Ihr dürft selbst verantworten, ob ihr die kompletten Feiertage kontaktfrei vor Euch hin gammelt oder tatsächlich (was durchaus empfehlenswert ist) ein paar Schritte an die Luft wagt. Wer weiß, vielleicht begegnet ihr draußen jemandem, dem die Weihnachts-Unfreude ins Gesicht geschrieben steht – dann lacht diesen Menschen an. Es soll ja zur Weihnachtszeit vermehrt Wunder geben, also vielleicht spaziert ihr ja dann zu zweit weiter…

In diesem Sinne: egal, wie ihr sie verbringen werdet – habt ein paar schöne Weihnachtstage!

Ihre Regina Swoboda


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