Kolumne Single-Party

Wir müssen draußen bleiben

von Felix Hartmann

Ich bin für ein Pärchen-Verbot in Clubs, Discos und auf sämtlichen Ü-irgendwas-Partys. Alle wüssten dann: Alle sind zu haben. Also theoretisch. Und auch sonst bliebe uns Singles manch Unappetitliches erspart. Oberste Regel wäre: Rumgemacht wird zuhause. Bei groben Fouls gäb’s gelbe Karten und im Notfall Platzverweise. (Wie man verhindert, dass Paare einen Laden einfach getrennt betreten, weiß ich noch nicht.)

In früheren Single-Phasen habe ich ein-, zweimal pro Woche die Nacht zum Tage gemacht. Damals, in meinen goldenen 20ern. Heute bin ich ruhiger. Häuslicher. Ich mag Samstagabende mit Buch, Film oder guten Gesprächen, rutsche nicht mehr hibbelig übers Sofa aus Angst, die Feier des Jahrhunderts zu verpassen. Ich muss mir die Wochenenden nicht mehr um die Ohren hauen. Auf jeden Fall nicht jedes. Sagt meine Fitness und die Leber nickt. Alter und 1.001 Hoch-die-Tassen-Nacht haben den Party-Löwen gezähmt. Nicht-mehr-20-sein als Therapie gegen Erlebnis-Rastlosigkeit.

Hin und wieder packt sie mich aber doch noch mal: die Party-Laune. Raus in die Nacht, rein ins Nachtleben und gucken, wer guckt. Locker machen, treiben lassen, den Moment zelebrieren. Einer neuen Bekannten („Lisa? Lina? Nina?“) morgens um halb vier bei 120 Dezibel Surround-Sound meine Einschätzung zu Zuständen und Zeitgeist ins Ohr brüllen. Mal nicht von Carpe diem reden, sondern ernst machen, mit dem Leben auf Tuchfühlung gehen und maximal bis zum nächsten Hendrick’s Tonic denken.

Als Wieder-mal-Single, der an die 40 klopft, habe ich da allerdings ein Problem: Mitstreiter auftun. Schuld ist eine sich epidemieartig ausbreitende Wurstigkeit: Druck und Stress im Job killen bei vielen Motivation und Kraft. Die meisten Paare um mich igeln sich ein in einer Beschaulichkeit, die sie wenige Jahre zuvor noch gartenzwergig fanden. Und kräht der zahnende Nachwuchs, ist vollends Schluss mit lustig. Schon ein Plauder-Treff braucht dann drei, vier Wochen Vorlauf. „Ich schau’ mal im Kalender …“

Was wie Neid klingt, ist schlicht und einfach: Bedauern. Über das Ende einer Ära. Über die allzu gründliche Zähmung einst wilder Hunde. Wie gesagt: Ich lasse auch seltener die Kuh fliegen. Aber was gestern noch ein Heidenspaß war, geht mir nicht plötzlich am Podex vorbei. Hinter vorgehaltener Hand gibt das auch manch Schoßhündchen zu. Wäre ich böse, würde ich sagen: „Selbst kastriert.“

Zurück zum Ausgeh-Problem.

Finde ich keine Begleiter, bleibt: allein losziehen – oder mit Paaren: „Kommste mit?“ Erster Gedanke: „Besser als nix.“ Trotzdem winke ich meist ab: „Nö, macht mal.“ Unter uns: Unterwegs mit Party-Pärchen … Verziehen sich um fünf nach zwölf wieder in die luschelige Zweisamkeit oder kriegen sich – mit freundlicher Unterstützung von Alkohol und flirtfreudiger Konkurrenz – so dolle in die Wolle, dass der Abend gelaufen ist. Aus Männer-Sicht dazu eine Spaßbremse: So derbe-cool Kerle oft unter sich sind, so viel Kreide haben viele gefressen, sobald Mausi in Hörweite ist. Pantoffelhelden.

Überhaupt: ausgehen als Paar. Findet SIE meist toller als ER. Sie schwingt, in der Regel ohne den tanzmuffligen Liebling, die Hüften, zieht – total unabsichtlich natürlich – den einen oder anderen Blick auf sich („Beweg’ mich halt gern zu Musik“) und geht ein angeheizter Zuschauer zum Angriff über, wird sich in Schatzis Arme gerettet. „Bin vergeben. Sorry.“ Nur doof, wenn Schatzi sich die Zeit bis zur Schwofpause nicht mit Stolz auf sein Tanzmäuschen vertreibt, sondern mit einer netten Brünetten. „Hat die dir gerade ihre Nummer gegeben?!“ Peng!

Fünftes Rad am Wagen? Genau so hat man das ja kommen sehen. Allein unterwegs mit Paar(en) …

Noch unterirdischer: Zwei, die nur mit sich beschäftigt sind. Da wird geturtelt, geschlabbert und getätschelt, dass man reingrätschen will: „Müsst ihr aller Welt zeigen, wie lecker ihr euch findet? Hier??? Oder markiert ihr Knutsch-Reviere? Whatever – MACHT’S DAHEIM!“

Jaaa, sicher, es gibt sie, die Traumpaare, die heiter zusammen ausgehen – mit Spaß für beide UND die Umwelt. Habe ich auch von gehört.

Im Ernst. Beim Ausgehen geht’s doch, neben Spaß mit Freunden und von mir aus etwas Tanzerei, um: Marktwert testen, flirten, was für die Nacht finden oder fürs Leben. F-i-n-d-e-n. Nicht mitbringen. Einen Baum mit in den Wald, Sand mit an den Strand, Bier mit in die Bar nehmen – drei Bilder, eine Botschaft: Anschleppen, was zur Genüge da ist, ist doppelt gemoppelt. Auf gut Deutsch: Wenn’s auf der Piste um Sehen-und-gesehen-werden und ums Suchen-und-finden geht – was, zum Geier, wollen Paare dann da? Sich und anderen beweisen, dass man zusammen auf nichts, aber rein gar nichts verzichten muss, was das Single-Leben ab und an auch ganz aufregend gemacht hat? Fakt ist: Ginge es rein ums Mit-Leuten-unter-Leuten-sein, wäre ein Restaurant entspannter. Für alle.

Liebe Liebende, habt ein Einsehen. Nehmt Rücksicht auf uns Singles, denen Euer Glück länger nicht beschieden war. Bitte, bitte, quält uns nicht. Macht uns nicht vor, was wir nicht ungern nachmachen würden. Oder worauf wir dankend verzichten können. Lasst das wenigstens in den Tempeln des Flirts. Und lasst Eure Schatzis und Mausis hin und wieder von der Leine und auf die Rolle. Alleine. Damit sie erlebnishungrigen Freunden beim Single-Leben-leben Gesellschaft leisten können.

Und wenn ich dann mit meiner neuen Maus den anderen Party-Gästen die Stimmung vermiese, nehme ich alles zurück.

Lieben Dank sagt

Ihr Felix Hartmann


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