Kolumne: Matching – zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Wenn Bit und Byte Amor spielen

von Felix Hartmann

Das Online-Dating-Vergleichsportal Zu-zweit.de untersuchte jüngst, wer sich heute online datet, welche Frauen und Männer sich auf welchen Seiten tummeln. Ein Fazit der Studie*: Man(n) und frau sollte sich fragen: Wen oder was suche ich eigentlich? Den Partner fürs Leben? Sex? Abartigen Sex? Ist das geklärt, fehlt bloß noch das passende Portal.

Idealpartner per Rasterfahndung

Da liegt der Dating-Hase aber im Pfeffer. Denn unzählige Single- und Partnerbörsen buhlen um ihre Zielgruppen. Mit zum Teil paradiesischen Verlockungen. Die wohl verlockendste für Partnersucher: „Wir kennen die Liebesformel. Um Ihre Top-Kandidaten zu finden, arbeiten bei uns Psychologie und Mathematik Hand in Hand.“

Matching heißt das im Marketing-Deutsch: Nach einem Haufen Test-Fragen werden die Antworten durch Datenbanken gejagt. Der Computer spuckt anschließend Singles aus, die besonders gut zum Antworter passen. Voll automatisch und nach geheimen Algorithmen. Und natürlich alles hoch wissenschaftlich.

Die Partner-Elite bleibt hängen

Wie der Goldstaub, der am Ende im Goldwasch-Teller klebt. Die Theorie: Ordentlich Gleich-und-gleich mit einer Prise Unterschiede – und die Liebe gesellt sich von allein. Das Verkaufsargument: „Selbst suchen war gestern. Wir sind Ihre Profi-Goldschürfer.“ Schöne neue Welt – und ein cleveres Geschäftsmodell, das Schatzsucher eine Stange Geld kosten kann.

Suchen ist Silber, Suchenlassen Gold? Muss man für die Liebe nur genug Ähnlichkeiten in einen Topf werfen? Ist Liebe berechenbar? Und: Wollten wir das? Wollen Sie so was? Was hat das Matching-Wunderland zu bieten? Außer hohen Eintrittspreisen und noch höheren Erwartungen. Glaubt man dem Sozialpsychologen Werner Degenhardt von der Ludwig-Maximilians-Universität München, dann: nicht viel.

In den Märchen sind es Zaubertränke, in der realen Welt Rechenformeln, die die Liebe bringen sollen. Für beides gilt leider gleichermaßen: das sind findige Ideen, die nur denen wirklich etwas bringen, die sie verkaufen.

Nicht alles, was glänzt, ist Gold wert

„Online-Dating aus psychologisch-sozialwissenschaftlicher Sicht“ so der Titel des Interviews, mit dem die Studien-Macher von Zu-zweit.de ihre Bestandsaufnahme des deutschen Dating-Marktes abrunden. Darin: Erfrischend klare Aussagen des Forschers über die Ehestiftung aus der Kuppler-Maschine. Eine Handvoll Denkanstöße für jeden, der das Glück im Internet sucht:

„Das Ziel, die Personen auszusortieren, die sicher passen, kann nach allem, was wir über Beziehungen wissen, nicht erreicht werden. […] Das Matching der Online-Portale benutzt kaum objektiv kontrollierbare Angaben, die einander fremde Personen über sich selbst machen.“

Merke: Solange nicht jeder Antworterin ein Gedanken- und Gefühls-Kontrolleur über die Schulter guckt und den Wahrheitsgehalt der eingetippten Vorlieben und Eigenschaften testet, solange bleibt das schlaueste Programm hilflos. Input bestimmt eben Output:

„[A]llein das Wissen darum, dass diesen Test ein potenzieller Partner zu Gesicht bekommen wird, führt unmittelbar dazu, dass man seine Selbstdarstellung schönt […] Wenn Sie mit der Absicht der Beziehungsanbahnung in die Kneipe und in die Disco gehen, dann legen Sie ja auch besonderes Augenmerk auf Ihre Darstellung.“

Man fühlt einem sympathischen Lächeln also besser gleich selbst auf den Zahn. Doch das technisierte Idealpartner-Auswahl-Verfahren schwächelt nicht nur bei der Sammlung brauchbarer Daten. Video killed the radio star? Gefühlsrechenmaschine schlägt Bauchgefühl? Im Gegenteil. Bei der Suche nach Liebe ist die Methode schlicht kontraproduktiv:

„Die […] Behauptung der Portalanbieter, dass man die grundlegende Qualität einer Beziehung auf Grund der Kenntnis einiger Merkmale des potentiellen Partners vorhersagen könne, steht im Gegensatz zu den Ergebnissen von 75 Jahren Forschung. Es kommt hinzu, dass das Profiling potentieller Partner nur scheinbar die Freiheit der Wahl vergrößert. Faktisch schränkt es die Diversität möglicher Partner von vorneherein ein. Es wird nicht nur die Wahrscheinlichkeit negativer Überraschungen vermindert, sondern eben auch die Wahrscheinlichkeit positiver Überraschungen.“

Amen. (Schon erstaunlich, wie gut die Statements des Wissenschaftlers zum Dating-Cafe-Credo „Liebe ist der schönste Zufall“ passen. Fast könnte man meinen, die Dating-Cafe-Crew hätte ihn dafür bezahlt. Aus sicherer Quelle weiß ich aber: Er meint, was er sagt. Von ganz allein.)

Matching ist ein Gewinn. Für die Matchmaker

Herzlichen Dank, lieber Doktor Degenhardt. Es wäre aber auch zu schön gewesen: Vom Computer die Crème de la Crème potentieller Partner auf dem Silbertablett serviert bekommen. Ohne lästiges Selber-Suchen. Wunschdenken in der Alles-ist-machbar-Welt.

Wir lernen, was wir doch eigentlich wissen: Dass man selbst heute mit Geld nicht alles kaufen kann. Dass Kommissar Zufall der einzig wahre Matchmaker ist und bleibt. Und Vertrauen die bessere Kontrolle.

Vertrauen Sie Ihrem Gefühl und lassen Sie sich von der Liebe überraschen! Alles, was Sie tun müssen: suchen. Ja, genau: Sie selbst.

Ihr Felix Hartmann

* Studie und Interview (S. 42-52) zum Nachlesen.


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