Kolumne Los geht´s!

Los geht’s

von Felix Hartmann

Sommer. Sie erinnern sich? Das, was in diesem Jahr schon vor der Saison aus war. Stellen Sie sich vor, es gibt eine Nachlieferung: 30 Grad im Schatten, alles drängt ins Freie und kämpft vor den Cafés um die besten Plätze. Sind die vier Buchstaben geparkt, startet das Spiel der Spiele.

Es geht zu wie in Wimbledon: Männerköpfe jeden Alters pendeln synchron von links nach rechts und von rechts nach links, bis die Halswirbel krachen. Eben wurden blonde Stilettos bewundert, jetzt zieht das brünette Spaghetti-Top alle Augen auf sich. Advantage kurvig und knackig. Ferngesteuerte Körperscanner. Willkür ist dagegen eine zielgerichtete Angelegenheit.

Und die Frauen? Einige machen zwar aus ihrem Interesse am anderen Geschlecht auch keinen Hehl. Die Mehrheit aber stellt eine mehr oder weniger perfektionierte Gleichgültigkeit zur Schau. Ein durchschaubares Manöver? Bei echter Interesselosigkeit wären Eyeliner und Concealer, Pfennigabsatz und sparsames Outfit schließlich überflüssig. Stattdessen tragen viele Catwalkerinnen und Zuschauerinnen Haut und Haar offen zu Markte, ist der Gegensatz zwischen offenherzigem Dress und zugeknöpftem Flirtverhalten phänomenal. „Was denn? Ich ziehe das nur für mich an.“ Ach so.

Damit eins klar ist: Ich unterstelle keine reine Effekthasch-Masche zur Steigerung des Marktwertes. Aber ich widerspreche dem Männer-denken-nur-ans-Eine-und-Frauen-sind-da-ganz-anders-Mythos, der besonders in Frühling und Sommer regelmäßig neues Futter bekommt. „Mann, musst du jedem Rock hinterhergaffen?“ „Klar, dafür sind sie ja da.“

In vielen Partnerportalen im Internet tummeln sich etwa gleich viele Frauen wie Männer. Der Wunsch nach Kontakt zum anderen Geschlecht scheint fair verteilt zu sein. Schade, dass Mutter Natur keine Lust hatte, Mann und Frau die gleichen Werkzeuge zur Kontaktaufnahme mitzugeben. Im Vergleich sammelt auf jeden Fall die männliche Strategie mehr Plus-Punkte – schon im Sinne der Arterhaltung: Würden plötzlich Männer wie etliche Frauen an die Sache gehen – wie sollten Harry und Sally da noch zueinander finden? Gleichgültig und gleichgültig gesellt sich gern?

Schon komisch: Im sozialen Netzwerk verkündet frau ganz freimütig, welch unbändige Lust und Sehnsucht der aktuelle Schuh-Trend auslöst: „Haben wollen.“ Auch sich die Nase am Schaufenster des neuen Designer-Outlets plattdrücken ist völlig normal. Dem potenziellen Partnerglück öffentlich halb so viel Aufmerksamkeit schenken? Undenkbar. Vielleicht sollten Männer sich einfach Pumps auf die Köpfe schnallen.

Warum ist das so? Warum sind nicht wenige Frauen eher knausrig beim Interessebekunden? Liegen die Wurzeln in der Kindheit? Als Indianer keinen Schmerz kannten und die Squaws von Papa-Häuptling Wachsames Auge vor bösen Cowboys gewarnt wurden? Das prägt: Er peilt seine Beute furchtlos an, sie wittert bei jedem Bart den geladenen Colt. Oder sind es bloß natürliche Reflexe? Ist das zweite X-Chromosom Schuld?

Sicher: Frauen tragen schwerer an den möglichen Folgen eines überstürzten Stelldicheins. Das würde eine strengere Auswahl erklären. Aber eben eine Auswahl. Ein aktives Machen. Stattdessen wird Bloßnichthingucken gespielt. Was ist eigentlich mit den flirtenden Frauen los? Jaha, die gibt’s. Launen der Evolution? Querdenkerinnen? Rebellinnen?

Was mann gern zu viel und aufdringlich macht, lässt frau oft einfach ganz: „ … und dann lehn’ ich mich zurück und lass dem Mann den ersten Schritt. Mir geht’s so gut, weil ich ’n Mädchen bin, weil ich ’n Mädchen bin, komm doch mal rüber Mann und setz dich zu mir hin, weil ich ’n Mädchen bin, weil ich ’n Mädchen bin, keine Widerrede Mann, weil ich ja sowieso gewinn, weil ich ’n Mähähädchen bin.“ Fast 20 Jahre ist der Song der Band Lucilectric alt. Das Schema F(lirt) ist gleich geblieben. Beim Online Dating heißt das dann: „Ich suche nicht, ich lasse mich finden.“

Liebe Frauen: Natürlich ist es schön, gefunden und hofiert zu werden. Schön und bequem – und darum lieben wir Männer das genauso. Wenigstens die, die sich von Frauen mit Initiative nicht im Mannsein beschnitten fühlen. Also hoffentlich die meisten. Und liebe Männer: Bevor Sie jede attraktive Nicht-Flirterin ansprechen oder zum dritten Mal anschreiben – manche haben eine andere Kragenweite. Oder wirklich kein Interesse.

Fazit? Ganz einfach: Die Augen aufhalten und sich auch mal vorbeugen (sie), den Blick auf Augenhöhe und für die kleinen Signale schulen (er). Schauen statt starren (er), ab und zu einen Blick erwidern (sie) und lächeln (beide). Und im Internet: Fröhlich Profile besuchen und Nachrichten dalassen (sie), die Partnerwahl mit Augenmaß angehen und hier und da auch mal die Frau hinter dem Profil entdecken (er). Das geht im Sommer und im Winter. Und in der Zeit dazwischen. Auf die Plätze, fertig, los!

Ihr Felix Hartmann


Zurück zum Seitenanfang  | Zurück zu den Kolumnen