Kolumne Aussehen

Von Idolen und Idealen – Die Sache mit der Eitelkeit oder die Frage: Bin ich schön?

von Andrea Wistuba

Jetzt im Frühling lachen sie wieder besonders auffällig von den Zeitschriften-Covern: Die perfekten Bodies, gesund gebräunte Teints, Gesichter mit entspannt-sinnlicher Ausstrahlung… Kurzum: Idole dieser Welt. Attraktiv und mit Esprit – wer möchte nicht so sein? Und vor allem: Wie rückt man sich ins rechte Licht, um als unwiderstehliche Partie zu punkten?

Egal wie Sie es drehen oder wenden, wer sucht, der findet – und zwar zuallererst Ihr Bild. Wir machen uns ein Bild vom anderen, die Oberflächlichen nicht mehr als die Tiefsinnigen, die Trendgurus genauso wie die Natürlichen unter uns, ob wir es wollen oder nicht. Der Mensch schaut immer erst auf Bilder, dann auf Text. Wenn beides attraktiv ist, umso besser, dann ist der Weg zur Kontaktaufnahme nur noch Millimeter entfernt. Wenn die Optik überzeugt und der Text in die Rubrik „naja“ fällt, gibt es zumindest meist noch eine reelle Chance. Das Foto ist schon sehr, sehr wichtig, will man auf Sympathie stoßen.

Was also ist schön?

Willkommen im Reich der Philosophie, denn auf keine Frage gibt wohl so unterschiedliche Antworten! Zu wenig Bildnachbearbeitung wirkt heutzutage ungeschickt, zu viel davon hingegen unglaubwürdig. Der perfekte Modelblick ist zwar schön, aber  auch steril; ein verhuschtes, arg kamerascheues Lächeln oder gar ein böser Blick wirken auch nicht einladender.

Wie viel Schönheit darf es sein? Wo wird es, im Positiven wie Negativen, unheimlich? Ich habe für meine Überlegungen zu diesem Thema einmal ein ungewöhnliches Terrain aufgesucht, auf dem sich überraschenderweise viel mehr Lebensnähe beobachten lässt als man auf den ersten Blick meinen könnte.

Es war Ende April, ich schaltete den Fernseher ein und da waren sie, die Sinnbilder des Schönen: Die royale Prominenz, angereist nach London, zum Jahrhundert-Event: William und Kate vor dem Traualtar. Das konnte ich mir als unterschwellig doch arg romantisch Veranlagte einfach nicht entgehen lassen.

Die Braut, das Kleid, die Frisur, die ganze Frau – eine Schönheit wie aus dem Märchen, keine Frage. Stilvoll und elegant man erkannte trotzdem immer noch den Menschen Catherine – ein natürliches Lächeln oder ein kurzer Blick, der so viel mehr preisgab als die perfekte Fassade vor all den anwesenden Kameras es vermuten lassen würde. William, nun ja, immer ein bisschen blässlich, dann die unvermeidlichen Geheimratsecken – sehr durchschnittlich die Optik für einen Traumprinzen, wie wir Frauen ihn uns aus den Märchen vorstellen. Spürbar aufgewertet hat William allerdings seine schnieke rote Gardeuniform. Kleider machen Leute, bei ihm scheint das offenbar so zu sein.

Dann stieg die Braut aus dem Rolls Royce und alle Welt sah nur noch: Pippa’s Po. In einem für ein solch entzückendes Figürchen schier perfekt geschnittenen Brautjungfernkleid. Als ich Pippa erblickte, dachte ich mir: „Mensch, ein paar Salattage wären auch mal wieder nicht schlecht!“ Da sprachen keineswegs homoerotische Gefühle, sondern schiere Bewunderung aus mir, und das soll unter Frauen schon etwas heißen.

Mit der eigenen Figur, da macht man sich doch sehr schnell mal verrückt. Vergleicht sich, verbessert seinen Lebenswandel und fällt dann wieder zurück… und dann das Ganze von vorne.

Da ich in meinem früheren Leben Fitnesstrainerin war, kann mir leicht ausmalen, wie wohl der Speise- und Sportplan der Middleton-Schwestern in den Wochen vor dem großen Fest aussah: Ausdauertraining, tägliches Pilates oder dergleichen und auf dem Teller hauptsächlich Salat. Das Ergebnis: Ästhetik in Perfektion. Für einen Auftritt vor zwei Milliarden Zuschauern sicherlich ein adäquater Aufwand, im normalen Alltag wohl eher ein Anschlag aufs kulinarische Gemüt.

Bevor mein Selbstbewusstsein nun einen Knacks bekam, schaute ich mir lieber die anderen Hochzeitsgäste näher an; es muss doch selbst in diesen Sphären den einen oder anderen Makel zu entdecken geben! Da huscht Mette-Marit durchs Bild und ich atme erleichtert auf, teile ich mit ihr relativ feines, nordisches Haare, das ich liebend gerne gegen ein voluminöse Prachtmähne wie etwa der von Laetizia, Prinzessin von Spanien, eintauschen würde. Nobody’s perfect, so ist es nun mal. Dann traf Victoria von Schweden ein, deren Vermählung ich im letzten Jahr schon zur Belustigung meines Freundes gespannt verfolgte (sechs Stunden Heiratsgeplänkel vor dem Fernseher – das ist für die meisten Männer einfach zu viel!). Victoria vereint natürliche Schönheit mit außergewöhnlichem Charme, genau wie ihre Mutter, „unsere“ Sylvia. Na, und zu Prinz Daniel, dem frisch Gebackenen, muss ich wohl nichts sagen: Gut aussehend, sympathisch zurückhaltend, manchmal richtig schüchtern – welch eine Kombination. Gute Wahl, Victoria!

Unerreicht unter den gekrönten Häuptern ist und bleibt für mich aber Máxima, Prinzessin der Niederlande! Das Höchstmaß an natürlichem Charisma, das Westminster Abbey an diesem Mittag im April bereithielt. Böse Zungen in den Redaktionen der Boulevardblätter mäkeln ja immer wieder über ein paar Pfund zuviel, die Máxima nach den Geburten ihrer Kinder zeitweilig mit sich herumschleppt; die jeder durchschnittlichen Mutter zustehen, durch die Frauen der Öffentlichkeit gleich in Ungnade fallen. Klasse hat Máxima dennoch; elegant bei offiziellen Auftritten und doch der Typ, den man sich für seinen Texel-Urlaub gut als Strandhüttennachbar vorstellen kann. Fast so wie wir uns alle den perfekten Partner oder die perfekte Partnerin vorstellen: Am Abend schick und vorzeigbar, im Alltag unkompliziert und entspannt. Gepflegt, aber nicht aufgetakelt. Hach, und ob ein paar Pfund mehr oder weniger – wer denkt da noch drüber nach?

Wer sich okay findet, mit seinen Vorzügen und kleineren Macken, und diese positive Ausstrahlung vor perfekte Bildretusche stellt, ist letztlich so oder so attraktiver. Machen Sie sich also mal keine Sorgen über das „perfekte“ Bild! Technisch gelungen, das ist natürlich gut, aber ansonsten einfach Sie selbst – so positiv wie sie sich selbst nur sehen können! Ein paar Lachfältchen zeigen in jedem Fall Klasse. Wegbügeln – das kann ja jeder, die Eitelkeit, von der wir alle nicht ganz frei sind, in Ehren.

Dazu noch eine Randnotiz: Berauscht vom Prunk der Hochzeit in London habe ich dann tatsächlich zwei Salattage eingelegt, Pippa als Vorbild vor Augen, Rohkost auf dem Teller. Am dritten Tag aber biss ich dann doch wieder beherzt in ein belegtes Gouda-Brötchen…

Es lebe die Balance aus Eitelkeit und Alltagstauglichkeit!

Ihre Andrea Wistuba


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