Teilnehmerbeitrag Der Erstversuch

Der Erstversuch …

Draußen nieselte es. Und das schon den ganzen Tag. Er sah zu, wie die Natur diesen Nieselregen aufsog. Das war das Richtige für den Garten. Ein leichter Nieselregen, den er noch nicht einmal mit seiner Gartenbrause erzeugen konnte. Wie kleine Perlen setzten sich die Regentropfen auf den Pflanzen fest und perlten nach kurzer Zeit ab. Warum mochten die Menschen es nicht, wenn es regnet? Er fand es schön und Nässe machte ihm nichts aus. Er betrachtete die Wolken, wie sie von unsichtbarer Kraft geschoben wurden und sah schon in weiter Ferne den blauen Himmel, der sich ab und zu keck durch die verhangene Wolkendecke schob. Es würde ein wunderbarer Tag werden und er freute sich auf die Sonne, die zwangsläufig dem Regen folgen musste. War es so? Wechseln sich Hochs und Tiefs ab? Haben die das bei den Menschen abgeschaut, die auch alle Hochs und Tiefs erleben? Er wusste es nicht.

Duftend stand der Kaffee neben seinem PC. Hatte er den Zucker vergessen? Er trank seinen Kaffee immer mit genau einem Löffel Zucker. Manchmal hatte er nicht nur vergessen, einen Löffel Zucker in den Kaffee zu tun, er hatte den Zucker komplett vergessen, wenn er einkaufen war. Warum sollte er beim Einkaufen auch an Zucker denken? Er wurde sowieso kaum alle. Sonst brauchte er keinen Zucker. Er hatte Wichtigeres einzukaufen als Zucker, aber wenn keiner da war, fehlte er im Kaffee. Er dachte über eine Einkaufsliste nach, auf der auch dann immer Zucker stehen würde. Nein, es war ein Löffel Zucker im Kaffee. Alles richtig gemacht!

Er lächelte, fuhr den PC hoch und rief seine E-Mails ab. Das machte er immer so. Jeden Morgen rief er als Erstes seine Mails ab. Er hatte sich im Dating Cafe angemeldet, auf der Suche nach Ms. Right. Sein Profil hatte er erstellt, 24-mal überarbeitet, ein brauchbares Foto hochgeladen und ein wenig herumgeklickt. Nun galt es, abzuwarten.

Und da war sie, diese Nachricht. Eine persönlich an ihn gerichtete Nachricht. Und ein Sympathieklick. Ein was? Ein Sympathieklick! Jemand hat dich also angeklickt, dass er dich sympathisch findet. Das ist aber nett, dachte er. Er loggte sich ein, um zu schauen, wer ihm geschrieben hatte. Es stand nur ein Satz da. „Nettes Profil, schade, dass du so weit wohnst. Gruß, Rita“ Rita, aus Mecklenburg-Vorpommern. Er dachte daran, zurückzuschreiben, überlegte, wie er den Umzug nach Mecklenburg-Vorpommern schnell organisieren konnte, stellte dabei fest, dass es zu teuer wäre und verwarf daher den Gedanken wieder. Er schrieb ein „Ja, schade, aber danke für deine liebe Nachricht, Rita.“ Das war sicher einfacher als den kompletten Umzug zu organisieren.

Den Sympathieklick hatte er von Ivonne erhalten. Schöner Name, überlegte er. Ivonne. Ivonne. Später würde er vielleicht zurückklicken. Mal sehen. Das ging ja schnell. Er klickte auf „Singles suchen“ und bekam direkt einen Lachanfall. Dabei verschluckte er sich prustend an seinem Kaffee und braune Tropfen verteilten sich über die Computer-Tastatur. Ob sie wohl Kaffee mag, meine Tastatur? Vielleicht schreibt sie ja dann schneller, wenn sie einen Koffeinschub bekommt?

Er konnte sich kaum beruhigen. Was stand denn da? Unter Gewicht war 0 – 255 kg vorgegeben. 255 kg? Das sind über fünf Zentner! Ist das vielleicht eine Börse, wo Sumoringer oder Sumoringerinnen gesucht werden? Er dachte an einen Bericht, in dem die Rettungshelfer einen Kranken mit einem Kran aus dem Fenster geholt hatten, weil er nicht mehr durch die Tür gepasst hatte. Er überschrieb die 255 kg mit einer 70. Wie war der Body-Mass-Index für normal gebaute Menschen? Länge mal Breite mal Höhe? Egal, 70 kg sind sicher okay. Er ergänzte die anderen Felder, wählte per Drop-down-Menü – diese Bezeichnung hatte er immer gemocht – eine andere Entfernung, wobei er immer noch überlegte, wie viel so ein Umzug nach Mecklenburg-Vorpommern kosten könnte, und klickte auf „Suche“.

Sofort öffnete sich die wunderbare Welt der Singleprofile und sofort taten sich damit auch neue Probleme auf. So viele Profile. Er klickte auf „Nächste“ und es nahm kein Ende.

Ich muss die Suchkriterien einschränken, überlegte er. Neue Suche. Größe mindestens 1,80 m und Gewicht bis 40 kg. Da kommt ja immer noch was … Also, dann doch wieder realistische Daten eingeben. Das wird viel Arbeit, dachte er. „Vielleicht sollte ich einfach einen Text vorschreiben in Word?“ Und dann mit Copy and paste … ??? Nein, sofort verwarf er diesen Gedanken. Er erinnerte sich. Hatte da nicht mal ein Politiker was Ähnliches gemacht? Der Name fiel ihm nicht mehr ein. Nein, er würde jede Nachricht an „sie“ persönlich schreiben, Zeit hin. Zeit her. Es geht um das Glück. Das Glück, jemanden zu finden, der zu einem passt. Und zum Glück finden gehört auch Zeit haben.

Er legte los. Hey, das ist ja mal ein nettes Profil? Nichts stand hier von „Joggen, Zweisamkeit, starke Frau“. Auch unter Beruf fand er kein „Habe einen …“. Aber was sollte er schreiben? Am besten, du beziehst dich auf das, was sie schreibt. Das stand schon in den Tipps des Veranstalters, die er überflogen hatte. Das zeugt von echtem Interesse. Okay. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Mach es richtig. Er schrieb ein paar nette Zeilen, überflog das Ganze noch einmal – bloß keine Rechtschreibfehler – und klickte auf „Senden“.

Sofort wurde er unsicher, ob er das Richtige geschrieben hatte. Ach was. Er wartete. Irgendwann würde die Nummer bei den Nachrichten erscheinen. Er wartete auf die „eine neue Nachricht“. Er wartete und wartete und schlich ins Bad, um einen Lappen zu holen und damit endlich die Tastatur zu reinigen, die durch den verschütteten Kaffee auch nicht schneller schrieb.

Und endlich, da war sie, seine neue Nachricht. Sein Herz klopfte bis zum Hals. Es war der Beginn einer neuen Liebe. Er öffnet die Nachricht und las „k. Int. LG“. Wow, wofür steht „k. Int.“? Er dachte nach. Na klar, das steht für „Klingt interessant“.

Aber wieso kürzt sie interessant mit einem „Int.“ ab? Und außerdem wird es nicht groß geschrieben. Und ihre Initialen? LG? Heißt sie vielleicht Lisa oder Lara? Lisa Grimaldi oder Lara Garanarnow?

Egal. Zufrieden lächelnd schaltete er den PC aus. Morgen würde er gleich zurückschreiben an „LG“, die das, was er geschrieben hatte „klingt interessant“ fand.

Er wusste, er war auf dem richtigen Weg …

Autor: -noodles- / 2012

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