Teilnehmerbeitrag Der Einkauf

Der Einkauf

Es würde ein heißer Tag werden. Kein Wölkchen stand am Himmel und die noch niedrig stehende Sonne tauchte bereits alles in helles Licht mit noch langen Schatten. Die Schatten schliefen noch, machten es sich an Hauswänden, Terrassenbänken gemütlich, streckten sich. Doch irgendwann würden auch sie aufwachen, immer kürzer werden und wenn er am Äquator wohnen würde, auch mal ganz verschwinden. Es war der richtige Tag um sein Vorhaben umzusetzen. Er hatte es geplant und es war eigentlich auch nicht vom Wetter abhängig. Aber wenn die Sonne scheint? Umso besser.

Also los. Heute oder nie. In Gedanken ging er nochmals alles durch. Hatte er alles mit für seinen Plan? Lässig baumelte an seiner linken Hand dieses große unförmige Ding, was er schon so viele Male benutzt hatte. Den Rest hatte er im Kopf. Es war ein gewagter Plan, aber hatte er ihn nicht schon einige Male bravourös umsetzen können? Es würde ihm wieder gelingen. Lächelnd schloss er die Autotür auf, stellte den Einkaufskorb auf den Beifahrersitz, stieg ein und fuhr zum Supermarkt, einkaufen.

Es war einer dieser Supermärkte, wo es kein Problem war, für welchen Einkaufswagen er sich entscheiden würde. Unauffällig würde er sich, wie immer, für ein Wagen aus der vordersten Reihe entscheiden. So viele 1Euro-Stücke hatte er auch gar nicht dabei, um sämtliche Wagen von ihren kurzen Ketten zu lösen, um sich vielleicht für einen der hinteren Wagen zu entscheiden. Wohin mit all diesen Wagen, wenn sie losgelöst auf den Zufahrten standen und viele Parkplätze blockierten? In kürzester Zeit würden sie neue Besitzer finden, die sich schon jetzt daran erfreuten am Ende ihres Einkaufs die geschenkte 1Euro-Münze wieder aus der Sicherung auszulösen. Nein, diesen Gefallen würde er hier niemanden tun. Er war einfach zu schlau. Lächelnd schob er daher eine Münze in den erstbesten vordersten Wagen, entriegelte ihn und fuhr los.

Mit seinem Wagen, der leicht rollte betrat er den Supermarkt. Er dachte an die Vergangenheit, an andere Supermärkte. Wie oft hatte er sich geärgert, wenn der Wagen nach links oder rechts zog, so laute quitschte, dass andere Kunden ihn kopfschüttelnd anschauten. Sein Wagen rollte leise, blieb in der Spur und er wusste, dass er wieder einmal alles richtig gemacht hatte. Er hatte die richtige Wahl getroffen mit seinem Einkaufswagen und bewegte sich damit unauffällig den ersten Gang vorwärts.

Ein Brot glitt als erstes in den viel zu großen Einkaufswagen hinab. Warum waren diese Wagen so groß? Bei den Automobilherstellern gab es mehr Auswahl: Kleinwagen, Mittelklasse, Limousinen, Sportcoupés, Cabrios.Okay, es gab Kinderwagen als Einkaufswagen, aber die waren zu niedrig. Egal, sollte sich doch jemand anders den Kopf darüber zerbrechen, warum es keine Einkaufswagen zumindest für Familien und Singles gab. Oder doch? Mit einem Single-Einkaufswagen konnte man signalisieren, dass man Single war. Man könnte sich damit auch gleich hier kennenlernen. Ein einfaches Signal. Hey, ich bin Single. Lass uns zukünftig gemeinsam den großen Wagen benutzen.

Er fuhr gelangweilt weiter, betrachtete die gefüllten Regale, erinnerte sich an den letzten Bericht aus Japan im Fernsehen und dachte darüber nach, wie gut es uns doch eigentlich geht. Viel Zeit blieb dafür nicht, denn plötzlich sah er sie. Als erstes sah er diesen Schriftzug auf der Seite ihrer rechten Gesäßtasche. Er musste es nicht lesen, denn er wusste auch so, dass dort „Levis“ stand.

Ms. Levis. 36 oder 38? Lange blonde Haare fielen über ihren Rücken. Top Figur bei 1,75 m. Der Adrenalinspiegel stieg und er fuhr ihr vorsichtig hinterher. Einen Rückspiegel hatte sie sicher nicht an ihrem Einkaufswagen. Sollte er einen Zusammenstoß provozieren? Oder irgendwann einkaufsberatend zur Seite stehen? Er war darauf nicht vorbereitet. Er konnte nur hinterherfahren. Mit schlanken gepflegten Fingern legte sie präzise und kurzentschlossen Gewürzgurkengläser, Joghurtbecher und Käse geschickt in den Einkaufswagen. Und die Flasche Rotwein. Das Indiz für einen weiblichen Singlehaushalt. Jetzt oder nie, dacht er. Kurzentschlossen sprach er sie an. „Na, auch beim Einkaufen?“ Was war denn das? Was Blöderes hätte er nicht sagen können. „Nein, ich bin hier Testfahrerin für Einkaufswagen und prüfe deren Kurvenverhalten bei unterschiedlicher Warenbefüllung. Und Sie? Was machen Sie hier?“. Ertappt wie ein Erstklässler, der statt der Schleife einen Doppelknoten in seine Schnürsenkel gemacht hatte, schaute er nach unten. Nach unten auf das Einzige, was er im Einkaufswagen hatte: Vollkornbrot, 500 g, geschnitten. „Ach ich bin noch auf der Suche, kann mich nicht entscheiden“. Im doppelten Sinne, dachte er. Weder im Supermarkt noch im DC. “ Na, dann, viel Glück auf der Suche“. Sicher meinte sie das auch doppeldeutig. Und schon war sie wieder weg. Die ockerfarbenen Doppelnähte auf ihren Gesäßtaschen wurden kleiner und kleiner, bis sie bei der nächsten Biegung ganz verschwunden waren.

Er erledigte seine Einkäufe sehr schnell und sah sie noch einmal später an der Kasse. Schnell füllte sich ihr Band mit allerlei Dinge für eine Großfamilie und die Flasche Rotwein ging unter in den Nudelpaketen, frischem Gemüse und H-Milch Paletten. Spätestens beim Lesen der Aufkleber in der Heckscheibe ihres Vans, als er „Lisa, Lena und Nina fahren mit“ las, wurde ihm alles klar. Lächelnd winkte sie ihm noch einmal zu. Mit ihrer rechten Hand, bei der er einen goldenen Ring an ihrem Finger aufblitzen sah. Es würde ein heißer Tag werden.

Autor: -noodles- / 2011

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