Kolumne Der erste Schritt

Heißer Kopf und kalte Füße

von Felix Hartmann

„Über zwei Stunden sitzt sie da. Leicht abwesend, aber süß. Und allein. Einfach rübergehen. Jetzt. Aber was soll ich sagen? Ihre Augen kleben an den Buchseiten. Die will ihre Ruhe. Nicht vollgequatscht werden. Bloß, warum sitzt sie im Café? Anscheinend erwartet sie niemanden. Sie geht! Zu viel gedacht und nichts gemacht. Wieder mal. Nächstes Mal …“

Und dann läuft’s wieder so. Bekannt? Willkommen im Club. Das kennt fast jeder. Warum eigentlich? Wieso geht man(n) diesen Schritt so selten? Was soll passieren? Sie lacht und gießt genüsslich ihren Caffè Latte über uns aus? Der böse Blick brennt sich ins Fleisch, während wir in einer Wolke aus Verachtung ersticken? Wohl kaum. Trotzdem bleiben wir in Deckung. Im Kopfkino blinken mannshohe Neon-Buchstaben: K-O-R-B-G-E-F-A-H-R. Allein der Gedanke lässt den Puls galoppieren.

Aber das überschwängliche Mittelalter ist Geschichte. Als gute Botschaften mit Gold und schlechte mit dem Leben bezahlt wurden. Uns reißt heute keiner den Kopf ab. Schon gar nicht der Café-Flirt. Das Brutalstmögliche: Wir trollen uns ohne Telefonnummer. Ein tragbares Risiko, wenn man an die Gewinnchance denkt: der Jackpot im Liebeslotto. Sollte fünf Schritte zum Nebentisch allemal wert sein.

Scheinbar nicht.

Der Hasenfuß stolpert: Im Angesicht einer potenziellen Mrs. Right werden die Hände feucht, das Hirn ist plötzlich so leer wie ein Freibad im Winter. Originell und souverän soll der erste Satz sein. Aber Coolness und Schlagfertigkeit haben es sich mit Popcorn und Cola im Zuschauersessel gemütlich gemacht. Das machen die beiden gern. Bei fast jedem. Das Otto-Normal-Ego hat Angst vor Ablehnung, vor der Blamage. Das blockiert. Und die Kopf-Herz-Allianz schickt eine Einheit Selbstzweifel: „Nicht deine Liga. Zu groß, zu hübsch, zu aufregend. Lass es. Erspart dir die öffentliche Niederlage.“ Jeder hat da seine eigenen Störgeräusche. Ausnahme: der Draufgänger. Der lässt sich nicht aufhalten. Er zieht lächelnd am Grübler vorbei und geht rüber. Seine Überzeugung: Er kann nur gewinnen, solo ist er ja schon.

Wir gehören zu den anderen, den Sitzenbleibern. Und mancher fühlt sich wieder wie früher im Freibad (im Sommer): Als man einen Augenblick zu lang von der Sprungturmkante aus ins Becken starrte, dann mit geducktem Kopf und hochgezogenen Schultern den Rückzug antrat und, von hämischen Randgrinsern begleitet, wieder Richtung Normalnull kletterte. „Feigling.“ Damals und in Sachen Flirt waren und sind wir in bester Gesellschaft. Nur blöd, dass der Ärger über sich selbst davon auch nicht kleiner wird.

Also springen. Dem Glück die Hand reichen. Oder erst mal den kleinen Finger: Ein Gefällt-mir-Paket mit Muffin und Telefonnummer schnüren und liefern lassen. Wenn sie anbeißt, lächelt, mit einem „Danke, ich meld‘ mich.“ entschwebt und das dann auch tut, hat die Liebe-Magen-Regel gegriffen.

Im Internet ist das leichter. Wir können Post zwar nicht mit Gebäck tunen. Dafür in aller Ruhe an der Eröffnungsrede feilen. Und unser Teint färbt sich bei einer Absage maximal blass himbeerrot. Sie sieht uns ja nicht. Anfangs kostet das etwas Überwindung, dann ist es wie Joggen: Man wird warm, fitter und schafft laufend größere Strecken.

Sie werden überrascht sein, wie weit Sie kommen. Vielleicht ja ins Café. Ohne Buch und mit Verabredung.

Ihr Felix Hartmann


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